Presse-Service
JAGD & HUND Presseservice: Hier kommen Experten zu Wort
JAGD & HUND Presseservice: Hier kommen Experten zu Wort
Einmal im Jahr präsentiert die JAGD & HUND in allen Hallen der Messe Dortmund ein breites Produkt- und Informationsangebot rund um Jagd, Natur und Hund. Zahlreiche internationale Aussteller und Verbände, Fach- und Informationsveranstaltungen sowie Bühnenshows verschaffen einen umfassenden Überblick zu allen Trends und Themen. Zudem bietet Europas größte Jagdmesse die ideale Plattform für den Austausch – den wichtigen politischen Austausch, aber auch den innerhalb der vierfältigen Jagd-Community.
Für Ihre Vorberichterstattung zur Messe aber auch die inhaltliche Vorbereitung auf die wichtigsten Themen, die die Jagd-Community bewegen, lassen wir hier Experten aus der Branche zu Wort kommen. Experten, die Ihnen in Kurz-Interviews jagdliche Themen näherbringen und erläutern. Gerne dürfen Sie diese Interviews wörtlich für Ihre Berichterstattung übernehmen. Fotos der Befragten stehen für Sie ebenfalls zum Download bereit.
Interessante Termine während der JAGD & HUND
Frank Zabel zur genetischen Verarmung beim Rotwild
Frank Zabel ist Wildbiologe, Autor, Schweißhundeführer und Jäger. Er engagiert sich privat und beruflich intensiv für den Schutz unseres Wildes und den Lebensraumverbund. Die Leitart Rotwild liegt ihm dabei besonders am Herzen. Er leitet mehrere Artenschutzprojekte und ist Geschäftsführer der Gemeinnützigen Gesellschaft für Wildbiologie & nachhaltige Nutzung. Im Interview spricht er über die genetische Verarmung des Rotwildes, ihre Ursachen und Folgen sowie Maßnahmen zur Eindämmung des Problems.
Herr Zabel. Zu Beginn direkt eine wichtige Einordnung: Genetische Verarmung des Rotwilds – wie genau äußert sich diese bei den Tieren? Sprich: Unter welchen Symptomen und Folgen leiden sie?
Frank Zabel: Die offensichtlichen Folgen sind die sogenannten Inzuchtdepressionen – Missbildungen, die sich primär auf den Kopf auswirken. In der Regel beginnt das mit verkürzten Unterkiefern. Wir haben aber mittlerweile auch verdrehte Schädel oder auch Kälber ganz ohne Augen bzw. mit verhornten Augen gesehen. Keilwirbelbildung gehört ebenfalls dazu, sprich ein ausgeprägter Buckel. Oder aber die Tiere kommen ohne Schalen zur Welt. Zur Erklärung: Man muss sich vorstellen, dass diese Tiere auf ihren „Fingernägeln laufen“. Wenn diese fehlen, ist das sehr unangenehm für sie.
Wir sehen diese sichtbaren Zeichen und Missbildungen immer häufiger, aber derzeit sind es noch die Ausnahmen. Aus wissenschaftlichen Studien wissen wir jedoch, dass die Populationen an sich durch die Bank genetisch verarmt sind.
Und diese genetische Verarmung ist das eigentliche Problem. Denn die genetische Verarmung führt bei Tieren genauso wie bei allen anderen Lebewesen dazu, dass der Körper nicht in der Lage ist darauf zu reagieren, wenn sich im Gesamtsystem irgendetwas verändert. Gerade am Beispiel des Rotwildes sehen wir, dass es – obwohl genetisch relativ eng aufgestellt – in weiten Teilen Deutschlands und Mitteleuropas derzeit nahezu perfekt an die derzeit herrschenden Lebensbedingungen angepasst ist. Wenn es nun aber zu Veränderungen kommt – und wir leben ja in Zeiten des Klimawandels, wo Frequenz und Amplitude der Veränderungen stetig zunehmen -, da kann das ganz schnell dazu führen, dass die Tiere aufgrund dieser Veränderungen überhaupt nicht mehr mit den Rahmenbedingungen zurechtkommen. Zum Beispiel aufgrund neuer Parasiten oder eines veränderten Nahrungsspektrums. Und das kann dann gravierende Folgen haben.
Wie groß bzw. wie verbreitet ist dieses Problem? Sie sagten bereits, dass sichtbare Missbildungen noch die Ausnahme sind, aber der genetische Faktor eben nicht?
Frank Zabel: Genau. Wenn wir uns die verschiedenen Parameter ansehen, kann man sagen, dass fast alle Populationen im deutschsprachigen Raum genetisch nicht gut aufgestellt sind. Sie sind noch nicht alle im kritischen Bereich, aber im grünen Bereich sind bundesweit gesehen bestenfalls zwei von über 30 untersuchten Populationen.
Diese bundesweite Verbreitung ist nicht verwunderlich – weil die Faktoren, die zu dieser genetischen Verarmung führen, ja auch bundesweit vorkommen.
Welche Faktoren sind das? Was sind die Ursachen für diese Situation?
Frank Zabel: Die Ursache liegt in der Habitatfragmentierung, also in der Zerschneidung der Lebensräume und Wanderkorridore des Rotwildes. Diese werden maßgeblich durch Autobahnen, Schnellbahnlinien oder große Siedlungsblöcke zerschnitten. Und im Süden und Südwesten kommen noch die sogenannten Rotwildbezirke, außerhalb derer das Rotwild gar nicht geduldet wird, hinzu. Das verschärft das Problem dort noch einmal massiv.
Und gibt es weitere Ursachen?
Frank Zabel: Wenn ich es den Tieren durch die Lebensraumzerschneidung schon so schwierig mache zu wandern, dann ist es natürlich immens wichtig, dass ich die wenigen, die es noch schaffen zu wandern, auch am Leben lasse. Ich müsste also wanderndes Rotwild eigentlich schützen. Leider ist vielerorts aber genau das Gegenteil der Fall. Die Tiere werden oft erlegt und das ist extrem unglücklich.
Welche Maßnahmen braucht es denn, um die wandernden Tiere zu schützen und grundsätzlich, um diesem Phänomen entgegenzuwirken – politisch oder auch gesellschaftlich?
Frank Zabel: Ein ganz wichtiger Punkt ist der: Selbst wenn Sie persönlich sich nicht für Tiere – und das Rotwild – interessieren, dann sind Sie und sind wir als Gesellschaft gut beraten, trotzdem an einer Lösung zu arbeiten. Denn letztendlich leidet nicht nur das Rotwild darunter, sondern auch wir Menschen. Bereits der Sachverständigenrat der letzten Bundesregierung hat es ganz klar gesagt: Wenn man sich die planetaren Grenzen anschaut – und zurzeit arbeitet man da mit neun verschiedenen Bereichen –, dann ist das größte Risiko für die Menschheit derzeit die schwindende Integrität der Biosphäre, also die reduzierte Belastbarkeit der belebten Umwelt. Und die belebte Umwelt – zu der wir ja auch zählen, aus der wir unsere Nahrung, unser Wasser und unsere Luft beziehen – leidet. Darunter, dass es zum einen ein massives Artensterben gibt – wir befinden uns in der sechsten großen globalen Aussterbewelle – und dass zum anderen die verbleibenden Arten zusätzlich noch genetisch verarmen.
Tatsächlich ist nicht der Klimawandel das größte Risiko, aber im Zusammenhang mit dem Klimawandel entsteht hieraus ein toxischer Cocktail. Ich reduziere schließlich nicht nur die Anpassungsfähigkeit des Rotwildes, sondern aller anderen verbleibenden Arten auch.
Das heißt, da müssen wir entgegenwirken – ob uns nun das Rotwild am Herzen liegt oder nicht. Schon aus purem menschlichem Egoismus. Wir brauchen eine vernetzte Landschaft! Wir müssen Rücksicht nehmen auf die verschiedenen Wanderbedürfnisse und für den genetischen Austausch sorgen.
Das Großartige daran ist: Wenn wir die Bedürfnisse der Leitart Rotwild an den Lebensraumverbund befriedigen, dann befriedigen wir auch die Grundbedürfnisse vieler anderer Tierarten. Wir arbeiten also nicht nur am Schutz des Rotwildes, sondern indirekt auch am Schutz der biologischen Vielfalt.
Weitere Informationen zu seinen Aktivitäten rund um das Thema genetische Verarmung finden Sie unter www.rotwildes-deutschland.de. Über das Thema wird Frank Zabel zudem auch auf der JAGD & HUND sprechen: unter anderem bei der Siegerehrung zum thematisch passenden Wettbewerb „Highway to Fail“ am Freitag (30.1.) um 12 Uhr auf der Bühne in Halle 4.
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Frank Zabel
Dr. Walter Jäcker zum Umgang mit dem Wolf
Dr. jur. Walter H. Jäcker ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht, Fachanwalt für Verkehrsrecht und Mediator (DAA) sowie Ansprechpartner für Jagdrecht. Dr. Jäcker ist Mitglied des Deutschen Jagdrechtstag e. V. und stellvertretender Justiziar des Landesjagdverbands Nordrhein-Westfalen (LJV NRW e.V.).
Im Interview spricht er darüber, warum die Debatte rund um den Wolf in Deutschland so viel Raum auch in der nicht-jagdlichen Öffentlichkeit einnimmt und was Gesetzesänderungen nun bewirken können.
Herr Dr. Jäcker, zunächst eine eher generelle Frage vorweg: Können Sie uns erklären, warum gerade die Wolfs-Debatte so viel Raum einnimmt – auch in der „nicht-jagdlichen“ Öffentlichkeit?
Walter Jäcker: Der Wolf ist ein großes Raubtier. Und er hat natürlich eine Geschichte, die weit zurückgeht. Schon im Mittelalter haben die Menschen unter Wölfen gelitten. Wenn diese Tiere ihnen die wenigen Schafe, die sie hatten, gerissen haben, dann war die Ernährung der gesamten Familie gefährdet. Man hatte schlichtweg Angst. Nicht umsonst gibt es Märchen wie „Rotkäppchen“.
Und ich glaube, dass das Wiederauftauchen des Wolfes dazu geführt hat, dass solche Ängste erneut wachgerüttelt wurden. Da kommt ein großes Tier mit einer gewissen Bedrohung. Das nimmt jetzt plötzlich Schafe und Ziegen ins Visier, sogar Rinder, bricht in Weidetierhaltungen ein. Das wird wahrgenommen in der Öffentlichkeit.
Außerdem ist es natürlich eine extreme Leistung: Der Wolf hat einen Lebensraum wieder besiedelt, den er beansprucht hat, bis er vor rund 250 Jahren hier ausgestorben ist. Plötzlich ist er wieder da, ohne dass das jemand beeinflusst hätte. Das spaltet die Gesellschaft. Die einen sagen: Der gehört hier nicht hin, denn wir leben in einer Kulturlandschaft, in der alles viel zu eng ist. Und die anderen sagen: Das ist der natürliche Rhythmus, er musste wiederkommen.
Was muss denn passieren, damit diese Wolfs-Debatte sachlicher wird?
Walter Jäcker: Ich glaube, wir müssen einen Weg zur Normalität finden. Dieses Tier ist nun einmal da. Ihn ins Jagdrecht aufzunehmen ist daher ein wichtiger und richtiger Schritt. Es braucht meiner Meinung nach diesen klaren rechtlichen Rahmen mit der entsprechenden Sicherheit des Jagdrechts, wo klar geregelt ist, welche und wie viele Wölfe geschossen werden dürfen. Er muss genau so bewirtschaftet werden wie das Rotwild auch. Das muss normal sein. Und das wird sicherlich auch die entsprechende Akzeptanz mit sich bringen, weil die Menschen dann wissen: Diese Tiere vermehren sich nicht ins Uferlose.
Was es seitens der Gesellschaft zudem braucht, ist weniger Angst und Panik, sondern vielmehr einen respektvollen Umgang mit diesem Tier.
Dafür wäre es doch sicher auch hilfreich, wenn die Menschen den Wolf besser verstehen. Verstehen, warum er wieder da ist, warum er auf Weidetiere losgeht – wie er „tickt“ sozusagen.
Walter Jäcker: Absolut. Als erstes müssen wir eines verstehen: Der Wolf ist nicht zurück, weil man ihn hier ausgesetzt oder wiederangesiedelt hat. Es ist keine Folge einer besonders gelungenen Umweltpolitik, sondern schlichtweg eine Folge der Wiedervereinigung, weil – plakativ ausgedrückt – der „Zaun“ weg ist. Sie müssen wissen: Wölfe wandern sehr weit. Sie legen ohne weiteres 1.000 bis 2.000 Kilometer zurück und sind sowohl sehr anpassungs- als auch sehr lernfähig.
Es gibt daher mittlerweile eine bestimmte Anzahl von Rudeln in Deutschland, die in Gebieten leben, die nicht so dicht vom Menschen besiedelt sind, und regelmäßig jedes Jahr ihre Jungen aufziehen. Wenn diese Jungen älter werden, dann beginnen sie mit ihrer Wandertätigkeit. Und dann werden auch am helllichten Tag mal einzelne Wölfe gesichtet, die Anschluss an andere Populationen suchen.
So kommt der Konflikt mit dem Menschen zustande – oder eher mit seinem Weidevieh. Denn niemand muss etwa befürchten, dass demnächst ein Wolf an der Schulbushaltestelle auf die Kinder wartet. Der Wolf hat schließlich eine natürliche Scheu vor Menschen. Aber er hat eben gemerkt, dass es für die tägliche Nahrung leichter ist Schafe zu fangen, die auf einem umzäunten Areal stehen, als das in Feld und Wald umherspringende Rehwild.
Sie haben es bereits angedeutet. Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH) und das Bundesumweltministerium (BMUKN) haben sich über ein umfassendes Paket zum Schutz von Weidetieren vor Wölfen geeinigt. Das Bundeskabinett hat mittlerweile die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht beschlossen. Was bedeutet dieser Schritt und was muss folgen?
Walter Jäcker: Die Politik hat erkannt, dass die Wolfspopulation europaweit betrachtet werden muss. Und wir sprechen in ganz Europa mittlerweile von einem festen Bestand von ca. 20.000 Wölfen. Das heißt: Diesen Tieren müssen wir nicht mehr helfen. Sie werden sich nun immer weiter vermehren und damit auch immer mehr Gegenden besiedeln, in denen es vorher keine Wölfe gab.
Vor dem Hintergrund, dass wir eine Größenordnung haben, wo es nun einerseits vertretbar und andererseits auch notwendig ist Wölfe zu bejagen, wird das Bundesjagdgesetz jetzt geändert. Bisher wurden einzelne Wölfe, die übergriffig geworden sind gegenüber Schaf- oder anderen Viehhaltungen, erlegt – aber nach Gesichtspunkten aus dem Naturschutzrecht. Somit waren die Naturschutzbehörden zuständig. Jetzt kommt er in den Rechtskreis des Jagdrechts hinein und da gibt es entsprechende Systematiken bereits. Wir haben ja Tiere, die nach Abschlussplänen bejagt werden – beispielsweise Rotwild und Damwild. Hier ist genau festgelegt, in welchen Altersklassen welche Stückzahlen pro Gebiet nach Geschlecht und anderen Gesichtspunkten pro Jahr geschossen werden dürfen.
Bei den Wölfen muss man diese Parameter nun ebenfalls festlegen und dabei unbedingt eine Besonderheit bedenken: Der Wolf hat ein sehr komplexes Sozialsystem. Er lebt in einem Familienverband, in dem der Rüde und die Fähe – also beide Elternteile – für die Aufzucht der Welpen verantwortlich sind. Das heißt, man muss zum Beispiel auf jeden Fall berücksichtigen, dass dem Welpen durch die Jagd nicht ein Elternteil genommen wird.
Die Angst vieler Menschen, dass jetzt eine unkontrollierte Jagd auf Wölfe gemacht wird und diese Tiere hier in Europa womöglich wieder aussterben, ist also unbegründet.
Walter Jäcker: Das ist sie. Die Jagd ist nicht dazu da, um eine Tierart auszurotten! Das Jagdrecht wird darauf abzielen, den Jagdbehörden und damit auch den Jagdausübungsberechtigten ein Instrumentarium zu geben, um zum Beispiel auf Problemwölfe zu reagieren und diese abzuschießen. Oder auch um in bestimmten Bereichen zu sagen: Hier muss ein gewisser Prozentsatz der Jungtiere erlegt werden, sonst ist der Zuwachs zu groß und es kommt vermehrt zu Konfliktfällen zwischen Mensch und Wolf bzw. Weidevieh und Wolf.
Wenn der Wolf Teil des Jagdrechts ist, kann er nicht gleich das ganze Jahr über erlegt werden. Es wird sicherlich so sein, dass sie eine Jagdzeit bekommen, und innerhalb dieser Jagdzeit wird es Beschränkungen geben im Hinblick auf Alter, Anzahl, Gebietsstruktur usw. – genauso wie wir es von anderen Wildarten auch kennen. Das wird noch sehr differenziert ausformuliert werden müssen und diese Diskussionen laufen derzeit noch.
Gleichzeitig muss übrigens auch das Naturschutzgesetz geändert werden, weil es wolfspezifische Regelungen enthält. Die müssen hier dann gestrichen werden, weil sie zukünftig Teil des Jagdrechts sind.
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Walter Jäcker
Gregor Klar zur Afrikanischen Schweinepes
Gregor Klar ist beim Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen e.V. als Referatsleiter für Naturschutz und Weiterbildung tätig. Außerdem ist er Landeskoordinator für das Wildtierinformationssystem der Länder Deutschlands (WILD). Im Interview spricht er über die Afrikanische Schweinepest (ASP), eine der größten aktuellen Herausforderungen für Landwirtschaft, Jagd und Tierseuchenschutz in Deutschland. In NRW gibt es bislang Ausbrüche im Kreis Olpe und im nördlichen Bereich vom Kreis Siegen-Wittgenstein. Doch was steckt hinter dem Virus? Wen betrifft es wirklich – und was kann jede und jeder Einzelne tun, um eine Ausbreitung zu verhindern?
Herr Klar, beginnen wir mit den Grundlagen: Was ist die Afrikanische Schweinepest überhaupt, wo kommt das Virus her und wie kann man eine Infektion erkennen?
Gregor Klar: „Wie der Name schon sagt, stammt die Afrikanische Schweinepest ursprünglich aus Afrika. Dort ist das Virus seit sehr langer Zeit heimisch und wird vor allem zwischen Wildschweinen über sogenannte Lederzecken übertragen. Diese Zeckenart kommt in Europa allerdings nicht vor.
Nach Europa gelangte das Virus im Jahr 2009 – höchstwahrscheinlich über einen Schiffstransport – nach Georgien. Von dort aus breitete es sich schrittweise nach Westen aus, insbesondere über die baltischen Staaten und Polen. Diese Länder sind bis heute stark betroffen. Später kam es auch zu Ausbrüchen in Tschechien, wo man durch sehr schnelles Handeln zeigen konnte, dass Eindämmung möglich ist, wenn ein Infektionsherd früh erkannt wird. Wir haben daraus gelernt, dass ein schnelles Auffinden des infizierten Tieres auch die Lokalisierung der so genannten Kernzone sehr früh möglich macht – und damit das Setzen von Zäunen und die Tötung der betroffenen Wildschweine.
Betroffen sind von der ASP ausschließlich Wildschweine und Hausschweine. Andere Tierarten erkranken nicht. Für die Tiere, die sich infizieren, ist die Krankheit häufig schwer und endet oft tödlich.
Erkennen lässt sich eine Infektion vor allem am auffälligen Verhalten der Tiere: Infizierte Wildschweine sind oft stark abgemagert, wirken apathisch, zeigen kaum Fluchtverhalten und leiden unter hohem Fieber. Deshalb suchen sie vermehrt Wasserstellen auf, um sich abzukühlen. Findet man ein solches Tier oder ein verendetes Wildschwein, ist es extrem wichtig, dies sofort zu melden – denn die ASP ist eine anzeigepflichtige Tierseuche.“
Auf wen kann das Virus übertragen werden? Besteht eine Gefahr für den Menschen oder andere Tiere?
Gregor Klar: „Das ist eine der wichtigsten Fragen – und die Antwort ist für viele erst einmal beruhigend: Für den Menschen ist die Afrikanische Schweinepest ungefährlich. Auch andere Säugetiere wie Hunde, Katzen oder Wildtiere können sich nicht infizieren.
Allerdings können andere Tiere indirekt zu einer lokalen Weiterverbreitung beitragen. Wenn zum Beispiel ein Fuchs oder ein Vogel an einem verendeten Wildschwein frisst, können Viruspartikel beispielsweise am Fell, an den Pfoten oder am Schnabel haften bleiben und lokal weitergetragen werden. Wichtig ist aber: Nach der Verdauung ist das Virus nicht mehr infektiös – das ist wissenschaftlich belegt. Auch Untersuchungen des Friedrich-Loeffler-Instituts haben gezeigt, dass etwa Wölfe, die ja sehr weite Strecken zurücklegen, keine Ursache für die großen räumlichen Sprünge des Virus sind.
Der entscheidende Risikofaktor ist der Mensch. Vor allem durch den unsachgemäßen Umgang mit Lebensmitteln. Denn das ASP-Virus ist extrem widerstandsfähig und kann in Rohfleischprodukten wie Salami, Schinken oder Rohwurst über sehr lange Zeit überleben. Wird etwa ein belegtes Brot achtlos in der Natur entsorgt und von einem Wildschwein gefressen, kann das Virus so weitergegeben werden. Auch über Kleidung, Schuhe oder Fahrzeugreifen kann das Virus verschleppt werden – insbesondere, wenn man sich in betroffenen Gebieten bewegt hat.
Wie groß das Ansteckungspotential von nur einer geringen Menge infizierten Wildschweinschweißes (Wildschweinblut) ist, zeigt folgende Überlegung: Das ASP-Virus ist besonders ansteckend und kann durch einen einzelnen Tropfen Blut übertragen werden. Es besitzt eine hohe Widerstands- und Überlebensfähigkeit gegenüber äußeren Einflussfaktoren.“
Viele Menschen fragen sich: Warum gibt es keinen Impfstoff gegen die Afrikanische Schweinepest?
Gregor Klar: „Diese Frage ist absolut verständlich. Wir haben in den letzten Jahren erlebt, wie schnell Impfstoffe entwickelt werden können – wie zum Beispiel während der Corona-Pandemie. Bei der Afrikanischen Schweinepest ist die Situation jedoch deutlich komplexer. Das ASP-Virus ist genetisch äußerst vielschichtig. Frühere Hoffnungen, aus Antikörpern überlebender Wildschweine einen Impfstoff zu entwickeln, haben sich leider nicht erfüllt. In Versuchen führte eine Impfung bei Hausschweinen sogar dazu, dass die Tiere sehr schnell verendeten. Zum Vergleich: Gegen die klassische Schweinepest konnte man impfen, weil das Virus deutlich einfacher aufgebaut ist. Die Afrikanische Schweinepest hingegen stellt die Forschung vor ganz andere Herausforderungen. Es wird intensiv geforscht und es gibt Fortschritte – aber ein sicherer, wirksamer und praxistauglicher Impfstoff steht derzeit nicht zur Verfügung.
Deshalb gilt aktuell: Vorbeugung und Eindämmung sind die einzigen wirksamen Mittel.“
Wie kann diese Vorbeugung aussehen?
Gregor Klar: „Eine zentrale Präventionsmaßnahme ist die Bestandsregulierung – also die Jagd. Denn nur, wenn der Wildschweinbestand niedrig ist, ist es auch die Verbreitungsgefahr. Je weniger Wildschweine ich habe, desto weniger können mit der Krankheit in Kontakt kommen. Jeder Jäger – egal ob es in seinem Revier ASP-Fälle gibt oder nicht – ist daher angehalten, seinen Bestand auf ein bis zwei Stück pro 100 Hektar zu reduzieren und zu halten. Hintergrund ist übrigens auch die enorme Reproduktionsrate: Wildschweine können ihren Bestand unter günstigen Bedingungen um bis zu 300 Prozent pro Jahr steigern.
Das Land Nordrhein-Westfalen unterstützt diese Bestandsregulierungen durch mehrere Maßnahmen: unter anderem durch die Aufhebung von Schonzeiten (unter Beachtung des Elterntierschutzes) und die Zulassung von Nachtsichttechnik unter klaren Auflagen. Unterstützung bietet das Land für die Jäger übrigens zudem auch durch die Übernahme der Kosten für die Untersuchung von erlegten Tieren auf Trichinen.
Ein weiterer Faktor sind Landwirte mit Schweinehaltung. Hier ist ein hohes Maß an Biosicherheit herzustellen. Heißt: Jeder Landwirt, der – ob als Jäger oder als Erholungssuchender – in Bereichen unterwegs war, in denen sich Wildschweine bewegen, muss zum Beispiel seine Kleidung und Schuhe wechseln und desinfizieren, bevor er sich seinem Tierbestand nähert. Und es gibt weitere Maßnahmen, um das Eintragungsrisiko einzudämmen. Darüber informieren wir auch auf der Webseite des LJV NRW.
Und der dritte Faktor ist die erholungssuchende Bevölkerung.“
Ein wichtiger Punkt. Denn sie sagten ja bereits, dass der Mensch der größte Risikofaktor ist. Was kann also jede und jeder Einzelne tun, um eine Verbreitung der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern?
Gregor Klar: „Das Wichtigste ist: Aufmerksamkeit und verantwortungsvolles Verhalten. Ganz konkret bedeutet das:
Keine Lebensmittelreste in der Natur entsorgen, insbesondere keine Wurst- oder Fleischprodukte.
In ausgewiesenen Gebieten in denen die ASP ausgebrochen ist, auf den Wegen bleiben.
Auffällige oder tote Wildschweine sofort melden, zum Beispiel über die kostenlose Tierfund-App. Diese übermittelt den Fund direkt an die zuständigen Stellen. Weitere Erreichbarkeiten finden sie auf unserem Flyer ‚Gemeinsam gegen die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest‘.
Wer mit dem Hund im Wald unterwegs ist, sollte diesen – insbesondere in betroffenen Regionen – nicht nur anleinen, sondern anschließend gründlich reinigen – auch sein Geschirr oder ähnliche mitgeführte Gegenstände. Gleiches gilt für Schuhe, Kleidung und Ausrüstung.
Und Jäger und Schweinehalter müssen strikt auf Biosicherheitsmaßnahmen achten, etwa durch saubere Kleidung und getrennte Bereiche.
Zusammengefasst: Der Mensch ist kein Opfer der Afrikanischen Schweinepest – aber er kann ungewollt ihr größter Verbreiter sein. Wenn jede und jeder ein paar einfache Regeln beachtet, lässt sich das Risiko erheblich senken.“
Nehmen wir an, der Worst Case ist eingetroffen. Die Afrikanische Schweinepest ist in einem Revier ausgebrochen. Welche Maßnahmen greifen dann – und welche Stellen sind dabei involviert?
Gregor Klar: „Sobald ein Verdachtsfall bestätigt wird, greifen klar geregelte Abläufe. Zuständig sind vor allem die Veterinärämter, die Kreise und kreisfreien Städte, das jeweilige Bundesland, Bundesbehörden sowie – ganz entscheidend – Forst, Jägerschaft, Feuerwehr und weitere Akteure wie die Wildtierseuchen-Vorsorge-Gesellschaft (WSVG). Wobei die WSVG bei einem Ausbruch der ASP dann von dem betroffenen Kreis bzw. der kreisfeien Stadt in NRW beauftragt werden muss. Bereits im Vorfeld werden sogenannte ‚Runde Tische‘ eingerichtet. Dort sitzen alle relevanten Stellen zusammen, um im Ernstfall keine Zeit zu verlieren. Diese Vorbereitung ist enorm wichtig.
Im Seuchenfall geht es dann darum, den Infektionsherd schnell zu lokalisieren. Bis das geschehen ist, gilt es mit Maßnahmen wie intensiver Fütterung die Tiere vor Ort zu halten. Ist der Bereich, in dem das Virus nachgewiesen wurde, dann lokalisiert, wird eine sogenannte Kernzone festgelegt. Diese Zone wird eingezäunt, um zu verhindern, dass infizierte Wildschweine weiterwandern.
Innerhalb dieser Zone spricht man dann nicht mehr von Jagd, sondern von Seuchenbekämpfung. Deren Ziel ist es, die Tiere schnell und tierschutzgerecht zu entnehmen, um weiteres Leid und eine Ausbreitung zu verhindern. Außerhalb der Kernzone wird der Wildschweinebestand weiterhin wie bereits beschrieben konsequent reduziert. All diese Schritte dienen einem Ziel: die Seuche räumlich zu begrenzen und langfristig zu tilgen.“
Was wir brauchen, ist mehr Rücksichtnahme, mehr Zuhören und mehr Verständnis für ökologische Zusammenhänge. Politik, Forst, Jagd, Tourismus und Gesellschaft müssen stärker zusammenarbeiten. In einem dicht besiedelten Land wie Nordrhein-Westfalen geht es nur gemeinsam.“
Auf der Webseite des Landesjagdverbands NRW finden sich zahlreiche Informationen und Hinweise zur Afrikanischen Schweinepest. Diese sind hier gebündelt: https://ljv-nrw.de/asp-in-nrw/
Den Flyer „Gemeinsam gegen die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest“ finden Sie hier zum Download.
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Gregor Klar
Dr. Michael Petrak zum sogenannten “Wald-Wild-Konflikt”
Dr. Michael Petrak ist promovierter Biologe und war von 1989 bis 2023 Leiter der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung des Landes NRW. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind die Wechselbeziehungen zwischen Wildtieren, Lebensräumen und Menschen. Aktuell engagiert er sich in der Aus- und Fortbildung von Jägern und Forstleuten, Waldbauern, Jagdaufsehern und Berufsjägern und gibt sein Wissen u.a. in Seminaren, Fachartikeln, Büchern (z.B. „Wildschäden“ und „Lebensraum Jagdrevier“, erschienen im KOSMOS Verlag) und als Sachverständiger weiter. Er spricht über den sogenannten Wald-Wild-Konflikt, der vor allem ein Interessenkonflikt ist, und darüber wie sich diese unterschiedlichen Interessen miteinander vereinen ließen.
Herr Dr. Petrak, was ist eigentlich der sogenannte Wald-Wild-Konflikt?
Dr. Michael Petrak: „Zunächst einmal: Den Begriff ‚Wald-Wild-Konflikt‘ halte ich sachlich für nicht ganz passend. Das ist ungefähr so sinnvoll wie von einem ‚Fisch-Wasser-Konflikt‘ zu sprechen. Wildtiere gehören zum Wald. Sie leben dort, sie fressen Pflanzen – und das gehört zum Ökosystem ganz selbstverständlich dazu.
Was wir tatsächlich haben, ist ein Interessenkonflikt zwischen Menschen. Der Wald ist der wichtigste naturnahe Lebensraum in Nordrhein-Westfalen. Er umfasst etwa 8.500 Quadratkilometer. Nach den Borkenkäferschäden der Vergangenheit geht es jetzt auf vielen Flächen um die Wiederbewaldung. Gleichzeitig leben dort Wildtiere, die diese jungen Pflanzen natürlich auch nutzen.
In einem dicht besiedelten Land wie Nordrhein-Westfalen treffen viele Interessen aufeinander: Waldbesitzer, Jäger, Naturschutz, Tourismus und die allgemeine Bevölkerung. Diese Interessen müssen ausgeglichen werden – und genau darin liegt die eigentliche Herausforderung. Dazu kann aber auch jeder beitragen. Oder viel eher: muss.
Denn es ist ja so: Zur Steinzeit lag der Anteil der Menschen an der Masse der Säugetiere bei einem Prozent. Heute haben die Menschen einen Anteil von über 36 Prozent. Und nehmen wir noch die Haustiere dazu, dann haben wir einen Anteil von Mensch und Haustier von 94 Prozent. Für Wildtiere an Land bleiben nur zwei Prozent und für Wildtiere im Wasser vier Prozent. Das heißt, der Mensch ist ein ganz dominanter Faktor.
Und da sage ich als Biologe ganz einfach: Wenn wir diesen hohen Anteil haben, haben wir auch eine besondere Verantwortung und müssen uns um den Ausgleich untereinander bemühen. Und auch um eine vernünftige Interessenabwägung, die alle Aspekte mit berücksichtigt. Die rein sektorale Betrachtung muss aufhören.“
Warum ist die Situation in Nordrhein-Westfalen besonders konfliktträchtig?
Dr. Michael Petrak: „Nordrhein-Westfalen ist das Bundesland mit der höchsten Bevölkerungsdichte. Auf 100 Hektar kommen hier im Durchschnitt 532 Menschen, im Bundesdurchschnitt sind es etwa 240. Gleichzeitig ist der Lebensraum für große Wildtiere begrenzt. Rotwild lebt zum Beispiel nur auf rund 14 Prozent der Landesfläche. Allein die Vekehrsfächen haben in NRW einen Anteil von 7 Prozent.
Dazu kommt der Klimawandel. Die Trockenjahre ab 2018 und der Borkenkäfer haben dazu geführt, dass rund 16 Prozent der Waldflächen stark geschädigt wurden. Diese Flächen sollen jetzt wieder bewaldet werden. Auf 64 Prozent der Kalamitätsflächen sind diese Maßnahmen auch bereits angelaufen.
Und wenn man sich da die Entwicklung anschaut, sieht man: Auf diesen Flächen ist der Anteil der Fichten sehr hoch. Viele sagen dann: ‚Das liegt am Wild.‘ Aber so einfach ist das nicht. In Nordrhein-Westfalen hatten wir vorher viele Fichtenbestände. Und wo Fichte war, kommt auch erst einmal wieder Fichte – weil deren Samen fliegen können. Bucheckern und Eicheln können das nicht.
Außerdem gibt es die ganz normale sogenannte Kahlschlagsukzession: Erst wachsen Kräuter wie Weidenröschen oder Fingerhut, dann Sträucher, dann Birken und Vogelbeeren – und erst später die klassischen Waldbäume wie Buche oder Eiche.
Wichtig ist: Die Forstwirtschaft konzentriert sich traditionell vor allem auf Bäume. In Nordrhein-Westfalen haben wir etwa 2000 höhere Pflanzenarten, aber nur etwa 50 bis 60 Baumarten. Die Begleitvegetation spielt eine große Rolle für das gesamte System – auch für das Wild.“
Sie haben in Ihrer ersten Antwort bereits klar geäußert, dass der Mensch für den Ausgleich der Interessen im Wald sorgen muss. Welche Rolle spielen dabei denn die am stärksten beteiligten Interessengruppen Umwelt/Tierschutz, Jagd, Forstwirtschaft und Tourismus?
Dr. Michael Petrak: „Grundsätzlich haben alle diese Gruppen ihre eigenen berechtigten Interessen, aber sie schauen oft sehr stark nur auf ihren jeweiligen Bereich. Der Umwelt- und Tierschutz hat den klaren Auftrag, Tiere und ihre Lebensräume zu schützen. Das steht sogar im Grundgesetz, im Artikel 20a. Wir müssen den Wildtieren ein Auskommen ermöglichen.
Die Jäger kümmern sich um das große Wild. Jagd ist eine Form der nachhaltigen Nutzung. Gerade weil es bei uns keine natürliche Regulation mehr gibt, ist Bejagung notwendig. Es muss auch genügend Wild erlegt werden. Das Allzeithoch der Rehwildstrecke von 133.130 im Jagdjahr 2024/25 zeigt, dass die Jäger sich einsetzen.
Die Forstwirtschaft hat die Aufgabe, den Wald zu erhalten und wieder aufzubauen, dabei aber auch den Lebensraum insgesamt im Blick zu haben. Dabei spielen wirtschaftliche Aspekte natürlich auch eine Rolle, weil Holz ein wichtiger Rohstoff ist.
Und dann ist da der Tourismus. Der Wald ist für viele Menschen Erholungsraum – zum Wandern, Radfahren, für den Wintersport. Das ist grundsätzlich positiv, bringt aber auch Belastungen für Wildtiere und ihre Lebensräume mit sich.
Das Problem ist weniger, dass diese Interessen existieren, sondern dass sie oft nebeneinander statt miteinander gedacht werden. Jeder schaut auf seinen Bereich – und das große Ganze gerät dabei leicht aus dem Blick.“
Und was können die Interessensgruppen konkret tun, um diesen Interessenkonflikt zu entschärfen und den Wald langfristig zu stärken?
Dr. Michael Petrak: „Man kann das ganz einfach sagen. Es gibt drei wesentliche Säulen: Lebensraumgestaltung, Bejagung und Lebensraumberuhigung. Und es ist wie bei einem dreibeinigen Hocker: Wenn ein Bein fehlt, kippt das Ganze um.
Zur Lebensraumgestaltung lässt sich folgendes sagen: Die natürliche Lebensraumentwicklung sieht so aus, dass nach Sturm oder Borkenkäferschäden erst eine dichte Vegetation entsteht – viel Brombeere, Sträucher, Gebüsch. Diese Pflanzen bieten Schutz, aber irgendwann kaum noch Nahrung. Deshalb braucht es eine vorausschauende Lebensraumplanung: Forst und Jagd sollten gemeinsam Nahrungsflächen für das Wild schaffen. Und getrennt davon auch Flächen zur Bejagung, wenn alles hoch gewachsen ist. Man kann auch gezielt junge Waldbäume in diese natürliche Entwicklung hinein pflanzen. Wenn Buche oder Eiche dann zwischen schützender Vegetation wachsen, werden sie weniger stark verbissen – weil Himbeeren für das Wild oft attraktiver sind. Entscheidend ist, dass dies alles in einer frühen Phase geschieht.
Gleichzeitig gilt es aber auch die Bejagung im Blick zu haben: Wir müssen Wildtiere bejagen, weil es keine natürliche Regulation mehr gibt. Wahr ist aber auch: Jagd allein reduziert auch keine Wildschäden. Wichtig ist dabei, dass sich die Jagd am Jahresrhythmus der Tiere orientiert. Im Winter drosseln sie ihren Stoffwechsel, deshalb sollte die Jagd in der Regel bis Ende Dezember abgeschlossen sein. Außerdem muss man auf die Sozialstrukturen achten: keine führenden Elterntiere erlegen und ausreichend weibliches Wild bejagen, weil diese den Nachwuchs bringen.
Entscheidend ist außerdem, wie sich das verbleibende Wild verhält und wo es sich aufhält. Die Kunst ist praktisch, dass das Wild sich traut, den offenen Lebensraum auch zu nutzen.
Und da kommt auch das letzte ‚Stuhlbein‘ ins Spiel, die Lebensraumberuhigung. Hier kann die Interessensgruppe rund um den Tourismus großen Einfluss nehmen: Im Sauerland sehen wir beispielsweise, dass intensiver Tourismus – vor allem auch im Winter – dazu führt, dass Rotwild in kleine Rückzugsräume gedrängt wird. Das führt mittlerweile teilweise schon zu genetischen Problemen. Und belastet auch den Wald. Dunkle Wälder, die Deckung bieten, sind nahrungsarm und bieten nur Bäume und Baumrinde als Nahrung.
Wenn Wintersport beworben wird, sollte zum Beispiel auch gleichzeitig darauf hingewiesen werden, dass die Menschen auf Loipen und Wegen bleiben und sensible Bereiche meiden. Viele Menschen sind dazu bereit – man muss es ihnen nur sagen. Auch bei der Wegeplanung ist Zurückhaltung wichtig. In manchen Regionen verlaufen Wege nur wenige hundert Meter parallel. Dazwischen bleibt für Wildtiere kaum noch ruhiger Lebensraum.“
Was kann denn schließlich der einzelne Mensch – der Spaziergänger, Jogger, Hundehalter oder Urlauber – konkret beitragen, damit es dem Wald besser geht?
Dr. Michael Petrak: „Man muss kein Fachwissen haben. Jeder kennt sein Wohnumfeld und weiß, wo er unterwegs ist. Wildtiere brauchen vor allem Berechenbarkeit. Wenn der Mensch kalkulierbar ist, können sie besser reagieren. Das heißt ganz konkret:
In der Dämmerung nicht mit dem E-Bike in die ruhigen Bereiche des Waldes fahren.
Auf ausgewiesenen Wegen bleiben.
Hunde anleinen oder gut kontrollieren. Gerade in der Vegetationsperiode werden Jungtiere im hohen Gras abgelegt. Große Hunde können diese verletzen – oft ohne dass die Halter es merken.
Nicht querfeldein laufen. Gerade im Winter ist querfeldein laufen oder (Ski) fahren kein Kavaliersdelikt – das Flüchten kostet Wildtiere enorm viel Energie und kann lebensbedrohlich sein.
Aus Erfahrung weiß ich: Viele Menschen sind durchaus bereit, diese Hinweise zu beachten und Rücksicht zu nehmen – besonders, wenn man sie freundlich darauf hinweist.“
Ihr persönlicher Appell?
Dr. Michael Petrak: „Wald ist Lebensraum – für Pflanzen, Tiere und Menschen.
Nicht nur Erholungsraum. Nicht jeder Verbiss ist automatisch ein Schaden. Pflanzen sind daran angepasst. Wenn der Rasen gemäht wird, wächst er auch wieder nach. Das gilt in gewissem Maße auch für Bäume.
Beides dürfen wir nie vergessen.
Was wir brauchen, ist mehr Rücksichtnahme, mehr Zuhören und mehr Verständnis für ökologische Zusammenhänge. Politik, Forst, Jagd, Tourismus und Gesellschaft müssen stärker zusammenarbeiten. In einem dicht besiedelten Land wie Nordrhein-Westfalen geht es nur gemeinsam.“
Mehr Informationen zu dem Thema finden sich zum Beispiel:
auf der Webseite der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildtiermanagement NRW https://www.lave.nrw.de/themen/jagd/forschungsstelle-fuer-jagdkunde-und-wildtiermanagement
auf der Webseite des Landesbetriebs Wald und Holz NRW und beim Landesjagdverband NRW:
https://ljv-nrw.de/wald-und-wild-gehoeren-zusammen/
https://ljv-nrw.de/symposium-wald-und-wild/
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Dr. Michael Petrak
Ralf Reckmeyer zur Bejagung von Nutrias
Ralf Reckmeyer ist passionierter Jäger und leitet seit 18 Jahren die Kreisjägerschaft Gütersloh e.V. 2019 haben die Kreisjägerschaft, die Kommunen des Kreises Gütersloh, die Landwirtschaftskammer (Kreisstelle Gütersloh), der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband e.V. (Kreisverband Gütersloh) und der Kreis Gütersloh eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, die die Bestandsregulierung der Arten, insbesondere Nutria (inversive Art) und Bisam, im Kreis Gütersloh zum Gegenstand hat. Im Interview spricht Ralf Reckmeyer über die daraus folgenden Maßnahmen und die Gründe, warum diese Bestandsregulierung so wichtig ist.
Herr Reckmeyer, für viele Kinder sind sie „süß“. Fachleute wissen jedoch: Nutria können große Schäden anrichten. So oder so sind die Tiere in aller Munde. Warum ist das so?
Ralf Reckmeyer: „Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. Bei uns in Herzebrock-Clarholz gibt es einen kleinen Teich. Und dort halten sich viele Nutrias auf. Denn Sie müssen wissen: Wasser ist der Zufluchtsort dieser Tiere, ihr Lebensraum. Und wenn sie dort so an diesem Teich sitzen in ihren unterschiedlichen Farbvarianten, die sie mittlerweile entwickelt haben, sehen sie natürlich niedlich aus. Wenn Passanten dort die Enten füttern, nehmen die Nutrias dieses Futter ebenfalls gerne auf und zeigen dabei keine Scheu. Dies kommt bei vielen Kindern natürlich gut an.
Das sind putzige Tierchen – wenn sie klein sind erst recht. Wenn sie aber größer werden – und sie können vom Kopf bis zum Schwanzende eine Länge von bis zu einem Meter erreichen –, dann sind sie nicht mehr so putzig. Und vor allem richten sie durch ihre Röhren und Bauten unheimliche Schäden an den Ufern und Böschungen vor Gewässern an.“
Warum konnten sich die Nutria so stark verbreiten?
Ralf Reckmeyer: „Dafür ist es wichtig, die Historie der Nutrias zu kennen. Diese Tiere sind normalerweise keine Tierart, die hier nach Europa gehört. Sondern sie sind sogenannte Neozoen. Sie sind ursprünglich aus Südamerika nach Europa eingeführt worden – weil man sich ihre Felle als Kleidung zunutze machen wollte. Diese Tiere wurden dann hier gehalten und irgendwann haben es einige geschafft aus dieser Haltung auszubrechen. Aufgrund ihrer hohen Reproduktionsrate haben sie sich anschließend sehr schnell vermehrt.
Das liegt zum einen daran, dass sie hier keine natürlichen Feinde haben. Denn sie halten sich entweder im Wasser auf oder flüchten sich sofort dorthin, wenn sie Gefahr wittern. Sie haben an ihren Füßen Schwimmhäute und werden in Deutschland daher nicht umsonst auch ‚Sumpfbieber‘ genannt. Genau wie Bieber können sie im Wasser fressen und sich sehr gut fortbewegen. Und wo sie nicht bejagt werden, können sie sich ungestört vermehren.
Damit sind wir beim zweiten Punkt: Nutrias bekommen zwei- bis dreimal im Jahr Junge, haben eine Tragzeit von rund 130 Tagen. Die Würfe liegen etwa bei fünf bis acht Jungen. Und nach fünf Monaten sind diese Jungen bereits geschlechtsreif.
Es gibt tatsächlich nur einen Faktor, den Nutrias nicht gut verarbeiten können: Das ist Kälte. Sie kommen aus dem warmen Südamerika und wenn sie hier anhaltend sehr niedrige Temperaturen erleben, laufen sie Gefahr, dass ihnen die Gliedmaßen abfrieren. Je nachdem, wie tief der Frost dann in den Boden reicht, sterben die Tiere in ihren Bauten. Zudem wird ihr Lebensraum kleiner, weil Teiche und Wasserläufe zufrieren.“
Wie genau richten die Tiere dann diese Schäden an? Und welche Auswirkungen hätte eine unkontrollierte weitere Vermehrung der Tiere?
Ralf Reckmeyer: „Die Nutria verbringen zwar viel Zeit im Wasser, aber schlafen, ruhen, Junge bekommen wollen sie natürlich im Trockenen. Ihre ‚Häuser‘ sind sogenannte Röhren oder Bauten. Und damit kommen wir zum großen Problem. Sie untergraben Böschungen – oder beispielsweise in Norddeutschland auch Deiche – und legen dort ihre Bauten an. Sie buddeln an der Wasseroberfläche oder unterhalb dieser ein Loch und von dort buddeln sie sich hoch, sodass die Kessel oberhalb des Wasserspiegels liegen. An Flussläufen führt das dazu, dass Böschungen absacken – wie bei uns an der Ems, wo wir 2023 und 2024 erhebliche Schäden hatten, und die Böschungen an mehreren Stellen neu begradigt werden mussten. Noch schlimmer: Wenn an der Nordsee beispielsweise die Deiche unterhöhlt werden, dann ist der Hochwasserschutz im schlimmsten Fall nicht mehr vorhanden.
Zusätzlich sind Nutrias aber auch für Schäden in landwirtschaftlichen Kulturen verantwortlich. Sie gehen zum Beispiel in Mais-Flächen hinein. Wenn Sie ein Maisfeld an einem Teich oder einem Wasserlauf haben, an dem Nutrias zuhause sind, dann werden sie schnell feststellen, dass die Tiere die Maisstängel abknabbern, umknicken und sowohl Maiskolben als auch Stängel fressen. Oder nehmen wir einen Landwirt, der seine Ackerfläche bis an einen Graben heran bewirtschaftet. Wird diese Fläche von Nutrias unterhöhlt, kann es passieren, das der Landwirt mit seinem Traktor unterwegs ist und plötzlich rutscht der Boden ab.“
Wenn es keine natürlichen Feinde gibt, dann muss also der Mensch eingreifen.
Ralf Reckmeyer: „So ist es. In Nordrhein-Westfalen ist es so, dass die Tiere nicht dem Landesjagdgesetz unterliegen und kein jagdbares Wild darstellen. Es gibt allerdings einen Runderlass des Ministerium für Landwirtschaft und und Verbrauerschutz des Landes NRW vom 27.12.2022, welcher die Bejagung der Tiere erlaubt. Quasi eine Allgemeinverfügung, die es ermöglicht die Tiere ganzjährig, unter Berücksichtigung der Setzzeiten, zu bejagen.
Man muss sich also sehr genau damit auseinandersetzen. Denn wenn diese Tiere zwei- bis dreimal im Jahr Junge bekommen, müssen wir aufpassen, dass während der Aufzucht des Nachwuchses keine Elterntiere erlegt werden. In unserem Revier wird eine Vielzahl der Nutrias daher zum Beispiel nicht mit der Waffe erlegt, sondern über die Fallenjagd – und zwar mit Lebendfangfallen, die wir in der Nähe von Gewässern aufstellen. So können wir dem Tierschutzaspekt gerecht werden, indem wir während der Setzzeit keine Elterntiere erlegen und diese, falls sie in die Falle gehen, wieder freilassen“
Sie sprachen bereits von Ihrem Revier. Daher schauen wir nun auf den Kreis Gütersloh. Welche Maßnahmen haben sich bei Ihrer Arbeit besonders bewährt?
Ralf Reckmeyer: „Wir haben uns im Kreis aufgrund der Schäden, die aufgetreten sind, sehr intensiv mit der Bejagung der Nutrias auseinandergesetzt. Es hat hier einen Arbeitskreis gegeben – grob bestehend aus Landwirtschaft, Wasserwirtschaft, Jagd und Vertretern des Kreises Gütersloh -, in dem wir uns die Frage gestellt haben: Wie können wir mit der hohen Nutria-Population umgehen? Und wir haben dann gemeinsam eine Kooperationsvereinbarung getroffen, die zunächst auf drei Jahre befristet war und die Zahlung einer Prämie für jeden erlegten Nutria festgelegt hat. Es wurde ein Fonds auferlegt, aus dem diese Prämie von 10 Euro pro erlegtem Tier gezahlt wird. Ganz bewusst, um die Bejagung dieser Tiere zu forcieren. Weil die finanziellen Schäden, die durch die Reparaturarbeiten aufgetreten sind, um ein Vielfaches höher waren. Von den landwirtschaftlichen Schäden gar nicht erst zu reden.
Das heißt aber natürlich nicht, dass jeder diese Tiere erlegen darf. Berechtigt sind im jeweiligen Revier ausschließlich die Jagdausübungsberechtigten oder von diesen benannte Personen. Ausnahmen bilden die von Verbänden beauftragten Bisamratten-Fänger.
Was ganz wichtig ist: Die Fallenjagd darf nur mit Lebendfallen ausgeübt werden, nicht mit Totschlagfallen. Und dann müssen diese Tiere ordnungsgemäß getötet werden.
Mittlerweile ist die Vereinbarung bereits verlängert worden und wir gehen in die zweite Periode. Weil man sieht, dass wir eine relativ konstante Anzahl an Nutria-Fängen haben. Und das sind in den letzten beiden Jahren rund 1500 Tiere nur im Kreis Gütersloh.
Die Erkenntnis, die wir aus diesen Maßnahmen gewonnen haben, ist die: Der richtige Weg kann nur der sein, dass sich alle Beteiligten – von Wasserwirtschaft über Landwirtschaft bis hin zur Jägerschaft – geschlossen dieser Problematik stellen und somit alle Betroffenen an einem Strang ziehen.“
>>> Weitere Informationen zu der Vereinbarung finden Sie online.
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Ralf Reckmeyer
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